Dienstag, 27. Oktober 2015

M.M.M. - Martin´s MesseMoments Teil 2 *Interview mit Irmgard Kramer*





M.M.M – Martin´s Messe Moments *Teil 2*

Interview mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Irmgard Kramer

Ein Gespräch über eine magische Villa, kritische Agentinnen und fliegende Piraten

In meinem zweiten Highlight auf der Frankfurter Buchmesse möchte ich euch mein Gespräch mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Irmgard Kramer zeigen. Irmgard Kramer hat sich viel Zeit genommen, um mit mir am Messesamstag über verschiedene Dinge zu sprechen, über persönliche Momente, ihren aktuellen Jugendroman "Am Ende der Welt traf ich Noah" und über ihre Einstellung zu Kritik im Internet.



Kannst du uns etwas darüber erzählen, wie du für dein Jugendbuch „Am Ende der Welt traf ich Noah“ recherchiert hast?

Die Recherche zum Buch gab es in mehreren Bereichen. Ich wollte natürlich, dass das Thema psychologisch stimmig ist. Durch Zufall kenne ich eine großartige Therapeutin, der ich Stunden bezahlt habe, um die Psyche meiner Protagonisten analysieren zu lassen. Aufgrund dessen hat sich Einiges geändert. Sie ist mit mir auf wirklich ganz kleine Details eingegangen. Ich habe ihr erklärt, was in meinem Roman vorkommen soll und sie hat mir die Hintergründe genannt, was realistisch ist und was ich besser weglassen sollte, um die Handlung nicht in die falsche Richtung zu führen.

Foto: Irmgard Kramer
Was noch die Recherche betrifft, war alles um die Villa Morris herum. Das Haus gibt es ja auch in der Realität (siehe Foto), jedoch ist es so weit im Wald, dass es schon etwas versteckt ist. In meiner ersten Fassung spielt das Geschehen in einem fiktiven Haus. Doch dann hab ich die Villa Maund  entdeckt und die war wirklich, wie aus meinem Kopf entsprungen.
Das Haus gehört einem reichen Mann und wurde von einem Hotel gepachtet. Dort finden regelmäßig Veranstaltungen statt.
In meiner Phantasie habe ich die Villa etwas vergrößert und Bereiche dazu erfunden, aber dennoch hat sie viel mit dem gemeinsam, was man im Buch findet, vorallem die magische Atmosphäre.
Auf meiner Website findet man auch viele Infos rund um die Villa und deren Geschichte. Im Juli fand auch in der Villa selbst die Premierenlesung statt. 

Dann war das sicher eine der speziellsten und schönsten Lesungen, die du je gemacht hast?


Das war im hintersten Bregenzer Wald. Man muss das Auto unten stehen lassen und dann ungefähr eine Stunde wandern, über Kuhweiden, durch Wälder und Wiesen, bis man dann an der Villa ankommt. Zur Lesung sind rund 100 Leute dahin gekommen, die diese Wanderung auf sich genommen haben. Es war mit 38 Grad total heiß. Sogar Leute vom Verlag waren mit dabei. Das war wirklich sehr schön. Und das Gefühl, aus dem Buch zu lesen, während man in der Villa sitzt, in der die Handlung gespielt hat, war sehr speziell und beeindruckend.

Foto: Irmgard Kramer

Wer hat, außer dem Autor selbst natürlich, eigentlich den größten Anteil am Entstehen eines solchen Romans?

Die meiste Arbeit an einem Buch hat man als Autor natürlich selbst. Aber nach dem Schreiben hat die Agentin einen wahnsinnig großen Anteil an der Geschichte. Sie liest meine Manuskripte zu allererst und ist sehr sehr kritisch. Das ist aber auch wirklich wichtig, damit man weiß, wo man steht und was man verbessern muss.

Dann gibt es da noch die Vertreterinnen im Verlag, die jedes Buch, was neu erscheint als PDF zugeschickt bekommen, lesen und anschließend an die Buchhandlungen verkaufen. Ohne ihre Arbeit wäre es schwierig, Bücher gezielt unter die Leser zu bringen. Sie wirken auch entscheidend bei der Gestaltung vom Cover mit.

 
Wie lange dauert es vom ersten Wort, was man schreibt, bis zu dem Moment, in dem man das fertige Manuskript an den Verlag abgeben kann?

Also bei diesem Buch hier hat es 11 Jahre gedauert. Das ist allerdings auch nicht der Normalfall.

Der Normalfall für einen Autor, der einmal den Fuß in der Tür vom Verlag drin hat, dann dauert es eines und ein halbes Jahr, bis eine Idee irgendwann als Buch erscheinen kann.


Bisher hast du ja Kinderbücher geschrieben, bevor du mit „Am Ende der Welt traf ich Noah“ dein erstes Jugendbuch auf den Markt gebracht hast. Wie bereitest du ein Kinderbuch vor, in dem es ja auf ganz andere Dinge ankommt, als im typischen Jugendroman?

Für mich sind die Kinderbücher einfacher zu schreiben, weil oft die Handlung nicht so komplex, dafür sehr geradlinig ist.

Dennoch muss man auch bei Kindergeschichten viel recherchieren. Ich schreibe zum Beispiel gerade Piratengeschichten. Dazu habe ich mir mehrere Bücher im Internet zu dem Thema bestellt. Es gibt über Piraten so viele Klischees und mich hat besonders interessiert, was denn nun davon Realität ist. Und aus den Büchern, die nichts mit Kinderliteratur zu tun haben, kann man sehr viele Randinfos bekommen, die man in die Kindergeschichte einbauen kann, um sie realistischer zu gestalten.  

Kannst du zu diesem Piraten-Projekt schon etwas mehr sagen?

Das wird ein sehr schön illustriertes Kinderbuch werden. Ich hab mich neulich mit dem Illustrator getroffen und mit ihm ein großartiges Gespräch geführt. Es wird auf jeden Fall was lustiges, durch geknalltes, bunt illustriertes, was bald zur ganzen Serie werden soll.

Hast du bei Illustrationen und Covergestaltung deiner Bücher ein Mitspracherecht?

Grundsätzlich bestimmt natürlich der Verlag die Illustrationen. Da hab ich wenig Mitspracherecht. Es gibt aber immer Treffen mit dem Illustrator, mir und den Lektoren und dann wird sich da ausgetauscht, Vorschläge gemacht und am Ende bestenfalls ein gemeinsamer Nenner gefunden. Manchmal ändert sich auch die Geschichte durch die Ideen vom Illustrator.

Ich hatte zum Beispiel die Idee, dass der König auf einem fliegenden Koffer daher kommt. In meiner Idee ist der Koffer geschlossen und der König sitzt drinnen. Irgendwann soll der Koffer aufklappen und der König kommt heraus und vergibt neue Aufträge an die Piraten. Der Illustrator jedoch sagte dann, dass es doch viel schöner wäre, wenn der Koffer, wie ein Pferderücken wäre und der König darauf sitzt, während er angeflogen kommt. Das ändert dann natürlich auch einige Sätze an der Geschichte.

Beim Cover bekomme ich dann die meisten Diskussionen und Konflikte gar nicht mit, da dies intern im Verlag entschieden wird. Die Vertreter dort wollen aber immer das schönste Cover zur Geschichte finden. Und ich bin ehrlich froh, dass ich da gar nicht so viel entscheiden muss.

Bisher war ich mit den Entscheidungen aber immer sehr zufrieden.

Wenn Cover, Geschichte und Illustrationen fertig sind, das Buch heraus kommt und gelesen wurde, wird es natürlich auf Blogs und in den sozialen Medien (Facebook usw.) besprochen. Wie reagierst du persönlich auf Kritik, die vielleicht auch mal nicht positiv ausfällt?

Gott sei Dank habe ich noch nicht so viel niederschmetternde Kritik bekommen. Aber es ist ein interessantes Phänomen, dass man hundert gute Reaktionen und eine Negative bekommt, die dann aber einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen will.

Bei negativer Kritik sagt man sich dann auch, dass ein Buch natürlich nicht jedem gefallen kann. Mir persönlich gefällt auch nicht jedes Buch.

Es ist auch immer wichtig, wie die Kritik rübergebracht wird. Ich finde es beeindruckend, wie Menschen damit umgehen, auf denen offen herumgehackt wird.

Ich vermeide es auch, die Kritiken zu sehr an mich heranzulassen oder zu viel davon zu lesen. Anders ist das natürlich bei Blogs, wie deinem. Das bekommt man irgendwie ja immer mitgeteilt, durch den Verlag oder auch den Blogger selbst. Die sind auch immer sehr angenehm zu lesen. Und dass da konstruktive Kritik entsteht, kann ich sehr gut nachvollziehen und damit auch gut umgehen. Aus dieser Kritik kann man auch vieles lernen, was man in der folgenden Arbeit umsetzen kann.

Tauschst du dich mit Kollegen über den Inhalt deiner Arbeiten aus? Oder bist du da ganz für dich und triffst deine eigenen Entscheidungen?

Mit Schriftsteller-Kollegen tausche ich mich da eher selten aus. Sehr wichtig hingegen ist mir immer der Austausch mit der Agentin und dem Lektorat. Man schreibt sich manchmal in eine Sackgasse, aus der man schwer allein wieder rauskommt. Durch den Austausch mit eben diesen Menschen bekommt man aber wieder einen anderen Blick auf die Geschichte und kann dann besser weiterschreiben.

Kannst du beschreiben, wie ein normaler Schreiballtag bei dir aussieht?

Ganz unspektakulär eigentlich. Ich steh zwischen halb und um 7 Uhr auf und mache dann erst mal eine Stunde Sport, um meine Schultern zu entlasten. Diese sind durch das lange Schreiben und die sitzende Tätigkeit natürlich sehr in Mitleidenschaft gezogen. Nach dem Sport gibt es dann Frühstück und dann geht das Schreiben los. Man kann die Arbeit dann eigentlich mit einem total normalen Büroalltag vergleichen.

Ehrenamtlich arbeite ich dann manchmal noch in der Bücherei mit, was natürlich sehr praktisch ist, weil ich dort natürlich am besten mitbekomme, was die Leute gern lesen möchten, was sie bewegt und für was sie sich interessieren.

Wo möchtest du als Mensch gern in 10 Jahren stehen?

Du stellst echt gute Fragen. Ich würde in 10 Jahren gern auf ein paar wirklich schöne Bücher zurückblicken können. Vielleicht auch auf Romane für Erwachsene. Jedoch fehlt mir dazu momentan noch die zündende Idee. Vielleicht kommt die ja im Laufe dieser 10 Jahre noch.

Du kommst ja aus Österreich. Aber wie ist dein Bezug zu den Kindern aus Deutschland. Was macht sie als Leser aus?

Ich empfinde die deutschen Kinder als sehr wissbegierig. Wenn man ihnen bei Lesungen Fragen stellt über Bücher und deren Hintergründe, dann merkt man, dass sie sich oft schon sehr gut über all das auskennen. Und ich finde es ganz toll, dass sie sehr offen und locker über ihre Ideen und Vorstellungen sprechen. 


Foto: Irmgard Kramer


Liebe Irmgard,
ich danke dir sehr für dieses tolle Gespräch. Am Ende war es viel ausführlicher, als ich gedacht hätte. Es war total interessant, mit dir über deine Arbeit zu sprechen und einiges über das zu erfahren, was sonst hinter den Kulissen passiert, wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit den Menschen, die für Cover und Illustrationen zuständig sind. Ich wünsche dir alles Gute für deine weiteren Projekte und würde mich freuen, wenn wir uns ganz bald mal wieder sehen, vielleicht ja auf einer deiner speziellen Lesungen.

Kommentare:

  1. Lieber Martin,
    ich bin begeistert von deinem tollen Interview!

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    1. Liebe Anka,

      vielen Dank für dein Lob. Es freut mich, dass das Interview gut ankommt.

      LG
      Martin

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